Letzte Woche gehe ich völlig gedankenverloren bei Wien-Mitte Richtung Eingang zu „The Mall“ um mich mit meiner lieben Frau zum Mittagessen zu treffen. Plötzlich springt eine Dame mit einem Mikrofon in der Hand auf mich zu, im Schlepptau eine Entourage von zwei, drei Männern inklusive riesiger Kamera, die sofort auf mich gerichtet wurde. Scheinwerfer an!

Ich war ziemlich überrumpelt und es entwickelte sich ein Interview, das wohl nicht in die TV-Geschichte eingehen wird – bzw. hoffentlich auch niemals irgendwo zu sehen sein wird.

Sie (hält sich nicht großartig mit irgendwelchen Floskeln auf und schießt los): Haben Sie Aktien?

Ich (noch völlig perplex): Äh, nein, ich habe keine Aktien.

Sie: Warum nicht?

Ich (versuche Zeit zu gewinnen): Eine sehr gute Frage!

Dann spielte sich in meinem Kopf ein ziemliches Durcheinander rund um: „Was zum Henker soll ich darauf antworten?“ ab. Folgende Antwortmöglichkeiten werden von mir erwogen:

a) „Ich habe kein Geld für Aktien.“ Hmmm, ehrlich gesagt kommt das als Antwort im Fernsehen irgendwie nicht gut. Als Zusatz könnte man noch anführen: „Ich hatte mal ein teures Hobby im Scheidungsbereich!“ Naja, macht auch keinen schlanken Fuß. Die „Ich bin ein armer Schlucker“ Variante wird also verworfen.

b) „Ich investiere mein Geld lieber in Flüssiges„. Auch nicht gerade die Antwort des Jahrhunderts. Schwierig zu erklären und richtig super steht man damit auch nicht da.

c) „Mich hat damals die Internetblase ziemlich erwischt!“ wäre ebenfalls eine ehrliche Antwort, aber wir leben halt nicht in den Staaten, wo man ein paar richtige Niederlagen gehabt haben muss, um cool zu sein.

d) „Als Rapid-Fan habe ich was das Thema Aktien anbelangt seit dem Rapid AG Fiasko der frühen 90er Jahre ein Trauma

Wie dem auch sei. Es vergehen gefühlte Minuten und ich versuche erneut Zeit zu gewinnen. Schliesslich lege ich der mich fragend ansehenden Dame noch eine Schiene um das Interview, wegen kompletter Sinnlosigkeit, vielleicht vorzeitig zu beenden und antworte: Wirklich eine sehr gute Frage und ich fürchte das ist jetzt auch nicht gerade ein tolles Interview.

Sie (lacht mich an und schüttelt den Kopf): Nein, nein, das passt schon.

Ich grüble darüber nach wie beschissen die Interviews denn sonst so laufen, wenn sie das Gestammel hier ok findet,  und es kommt mir die rettende Idee: Ha! Meine Frau hat Aktien!

Sie (ganz erfreut, aber sicher auch denkend: Die Frau wäre sicher besser gewesen als der Depp): Sehr gut. Dann ist sie eine von 6% in Österreich. Was meinen Sie? Wäre es wichtig, wenn seitens der Regierung hier mehr Information angeboten werden würde, etc. etc.

Ich (entspanne mich ein wenig und kann ein paar Antworten geben, die nicht komplett idiotisch sind).

Als das Interview vorbei ist, bin ich – ob meiner desaströsen Performance – so peinlich berührt, dass ich nicht mal frage, wo/wann dieses denn gesendet werden würde.

Das Thema Aktien ließ mich an diesem Tag dann nicht mehr los. Zufällig ist vor einiger Zeit über willhaben.at  eine Flasche „Barrique de Beurse 2010“ bei mir im Weinklimaschrank gelandet. Noch völlig irritiert vom Interview, war diese Flasche natürlich meine erste Wahl an diesem Abend.

Beim „Barrique de Beurse“ handelt sich um eine Tradition, bei der eine Gruppe von Wiener Börsianern seit 1991 jedes Jahr zunächst in einem Auswahlverfahren (Blindverkostung) burgenländische Weine verkostet und einen Winzer als Sieger festlegt um mit diesem dann eine eigene Cuvee zu entwickelt, die dann eben als „Barrique de Beurse“ in streng limitierter Auflage ausgegeben wird. Die dazugehörige Flasche wird auch immer mit einem künsterlischen Etikett versehen und mit großem Brimborium „emittiert“.

Der 2010er wurde gemeinsam mit dem Weingut Maria Kerschbaum (Lackenbach-Horitschon) kreiert. Das künsterlische Etikett zeigt eine Dame, die auf einen großen Bullen zeigt. Ein Hinweis darauf, dass das Jahr 2010 an der Wiener Börse ein gutes war, wie man auch an den am Etikett ersichtlichen ATX-Kennzahlen des Jahres nachlesen kann.

Der Wein selbst ist vom unterschätzten Jahrgang 2008 und zeigt als echter „blue chip“, dass dieses Jahr erheblich besser ist als sein Ruf (vor allem auch im Vergleich zum Jahr 2008 in der Finanz- bzw. Aktienwelt). Stoffig, rund, fruchtig, mit perfekt eingebauten Tanninen hat der Börsenwein richtig Spaß gemacht. Jeder, der damals mitpartizipierte hat hier eine schöne Rendite gemacht.

Einsatz: EUR 11,-

Gewinn: 1-2; Ein Wein, den man so gar nicht zu kaufen bekommt und der mir meine kleine Interview-Niederlage versüßt hat. Außerdem habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass es wahrlich nicht einfach ist, aus dem Stehgreif und ohne Vorbereitung ein paar intelligente Sätze in eine Kamera zu sprechen.