Jeder kennt das berühmte Sprichtwort: Kleider machen Leute. Dieses geht auf eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller zurück, in der der arme Protagonist Wenzel (ein Schneider) aufgrund seiner feinen – selbstgeschneiderten – Kleidung als Adeliger angesehen wird. Rasch fliegt dem Wenzel das Herz einer gesellschaftlich hoch angesehenen Dame entgegen. Es kommt natürlich wie es kommen muss. Der „Schwindel“ fliegt auf. Dennoch wird am Ende alles gut. Er bekommt seine Herzdame, wird schlussendlich auch in die „Oberen 10.000“ aufgenommen und der Titel der Erzählung wird wahr.

Lässt sich diese Geschichte auch auf Wein ummünzen? Machen Gläser auch Wein? Ich habe letzte Woche dazu – ohne, dass ich das geplant hätte – eine kleine Feldstudie gemacht.

Nach einem recht langen Tag in Frankfurt wollte ich mir in der Hotelbar einen Gute-Nacht-Cup genehmigen und studierte im super-stylischen Moxy Hotel Frankfurt die Getränkekarte. Meine Wahl fiel auf einen Spätburgunder aus Rheinhessen (ich habe eine gewisse Zuneigung zum deutschen Pinot entwickelt) um – etwas unverschämte und schweißperlentreibende – EUR 10,- das Glas. Egal, was kostet die Welt?

Serviert wurde mir der Spätburgunder vom kumpelhaften Barmann Jens (im stylischen Hotel in Frankfurt sind wir nämlich alle per Du) dann in einem Weinbecher. Also quasi Weinglas, ohne Sti(e)l. In jeder Hinsicht! Natürlich kann man mich als üblen Traditionalisten bezeichnen, aber diese Art Weinglas geht für mich gar nicht – selbst dann, wenn sie höchster Qualität (wie etwa die O-Serie von Riedel) entspricht. Der liebe Jens hat den Wein dafür richtig kalt serviert, was insoferne auch nur konsequent erscheint, da man den Becher bzw. den Inhalt beim Halten mit den Händen schön erwärmen kann. Wie dem auch sei. Ich bin mit dem Gesamtpaket auf jeden Fall nicht warm geworden.

Szenenwechsel – nächster Abend, in Wien. Wir haben alte Arbeitskollegen im „Salonplafond“ getroffen. Der Abend war äußerst nett und nach einem obligatorischen Flascherl Wiener Gemischter Satz Bisamberg 2016 vom Weingut Fuchs Steinklammer Gläser2(sehr fein!), den wir in ganz normalen Weingläsern genossen haben, wurde auch noch ein Rotwein bestellt. Ich durfte aussuchen und orderte einen spannend klingenden Rioja Phincas 2013. Die deutsche Kellnerin (Vornamen weiß ich nicht, da man im Salonplafond nicht per Du ist) meinte noch, dass sie den gerne belüften würde. Ich stimmte zu und wenig später kam sie mit einem Erlenmeyerkolben aus dem Chemielabor!! [Bevor Sie sich denken “bist du narrisch, der kennt sich nicht nur bei Wein, sondern auch in Chemie, Literatur (siehe oben) und überhaupt überall aus”, dem sei gesagt, dass ich alles gegoogelt habe!]

Das geht in Wahrheit gar nicht, aber bitte sehen Sie selbst:

Gläser3

Irgendwie hab ich diesen “Dekanter” viel lockerer gesehen, als am Vorabend Jens’ens Weinbecher. Liegt wahrscheinlich daran, dass im Salonplafond meine Frau neben mir saß und wir den Wein schlußendlich ja nicht aus einem Reagenzglas sondern einem Gläser4wunderschönen Weinglas (mit Stiehl und Stil!) trinken durften und der eigentliche Grund (nämlich das Belüften) ja auch im Erlenmeyerkolben (eine Wiederholung, damit sich auch der geneigte Leser den Begriff merkt!) sehr gut funktionierte.

Fazit: Erlaubt ist alles was gefällt und auch atmosphärisch ins Gesamtbild passt. Fix ist, dass der ärgste Heckenklescher auch im allerschönsten Glas nicht schmeckt. Umgekeht kann aber auch mal ein Plastikbecher genau richtig sein, wie Johannes Heesters und Otto in „Otto – der Film“ beim Genuss des 1899er Chateau Reibach (der exakt 9876 Mark und 50 Pfennig wert ist) so schön bewiesen haben.

Werbeanzeigen