Nachdem hier in letzter Zeit sehr viel über Burgunder bzw. die dazu passenden Gläser geschrieben wurde, muss ich nun einen Beitrag über meine heimliche Liebe veröffentlichen: Pinot Noir. Der König der Rotweine, wie man oft hört. Eine unfassbare Zicke! Kompliziert im Weingarten, extrem anspruchsvoll und dann auch noch sehr kompliziert im Glas (ich meine, allein diese komische Farbe…pfff). Somit muss man eigentlich eher von der Königin der Rotweine sprechen.

Dass die Namensgebung offenbar etwas unromantisch ist (Pinot dürfte vom französischen „pin“ (= Zapfen) kommen), spielt für die eitle Königin überhaupt keine Rolle. Eher im Gegenteil. Da steht sie mehr als drüber und es macht sie erst recht erhaben und unnahbar. Auch, dass der Pinot in den ganz großen (und sehr warmen) Rotweinjahren oftmals einen auf beleidigt macht und die große Bühne dem Pöbel überlässt, ist typisch. Ich meine, da kann ja auch jeder daherkommen. Wenn der Witterungsverlauf aber den großen, lauten Jungs die Schneid abkauft, ist sie plötzlich da! Mit Stil, Grandezza, kühlem Charme. Noblesse oblige!

So, wie 1998 in Österreich, wo ein sehr nasser September den üblichen Verdächtigen die volle Reife verwehrte (und dem Jahrgang maximal das Prädikat mittelmäßig eingebracht hat), hat der durchaus heiße August der frühen Sorte herrlich in die Hände gespielt.

Als kleines Dankeschön hat mir mein Haus- und Hoflieferant vor einigen Monaten eine Flasche Pinot Noir 1998 vom Weingut Juris draufgelegt. Weil er sie einerseits nicht wirklich anbringt (da 1998 ja ein schlechtes Rotweinjahr war) und weil er andererseits glaubt, mit mir einen Bruder im Geiste (und Pinot Noir im Glas Verehrer )gefunden zu haben. Wie recht er nicht hat. Da sag ich wirklich nicht nein!

Die Flasche war in einem perfekten Zustand. High shoulder, Kork völlig intakt und Pinot Noir 2.jpgriesengroße Aufregung und Vorfreude bei mir. Dann leert man den Wein ins Glas und hat dann dieses komische (aber halt typische) „Wasserl“ im Glas. Farblich irgendwas. Mein Erwartungen gehen gegen null, obwohl ich weiß, dass Pinot halt oft so aussieht bzw. so aussehen muss. Aber mit der Kombination aus „schlechtem Jahr“ und schon fast zwei Jahrzehnte alt, kann einem schon mal der Geist einen Streich spielen und das Vorurteil die Stimmung kippen.

Dann schnuppert man ein wenig an der alten Königin und entdeckt reges Leben. Ein zart beeriges Parfüm hat sie da. Fruchtig, aber auch dem Alter angemessen. Ich werde ziemlich scharf und der erste Kuss fällt dann meinerseits natürlich viel zu forsch aus. Ungestüm, wie eine 16jährige Hormonbombe. Sowas lässt sich eine erfahrene Dame sicher nicht bieten und straft mich mit Gleichgültigkeit und säuerlicher Miene ab. Was habe ich mir auch erwartet? Eine unerfahrene aber willige und lüsterne Maid? Man fragt sich schon, was ich in den letzten zwei Jahrzehnten aus den vielen Pinot Erfahrungen gelernt habe? Nichts!

Ich schwänzle um das Glas, studiere die Flasche und bin ein wenig ratlos. Ich nehme mir  ein Herz und probiere es nochmals. Diesmal mit viel Zurückhaltung, ganz zart und nur wenig Zunge! Oja, das kommt sofort etwas zurück. Bisserl Beeren, etwas Dörrobst, samtig, weich, schlanker Körper und noch immer etwas Säure. Lässt sie mich wirklich ran? Ich kann es gar nicht glauben. In den nächsten zwei Stunden entdecke ich immer neue Facetten an der alten Dame und bin glücklich.

Fazit: Eine außergewöhnliche Rebsorte (mit der das Weingut Juris bekanntermaßen ganz außerordentlich gut umgehen kann). Definitiv nicht für jedermann. In Anlehnung an einen Spruch vom 24 Stunden Rennen in LeMans (You don’t choose to win LeMans, Lemans chooses you.) kann man auf jeden Fall sagen: You don’t choose to like Pinot Noir, Pinot Noir chooses you!