Ich habe einen sehnlichen Wunsch. Ich möchte seit längerer Zeit diese wunderschönen, großen, bauchigen Burgundergläser haben. Wenn Sie sich jetzt locker flockig denken „Ja, dann kauf Dir doch welche!„, dann sind Sie mit Sicherheit nicht verheiratet. In unserem Gläserschrank stehen gezählte 48 verschiedene Wein-, Schaumwein- und Schapsgläser. (Der Weintrinker von Welt trinkt nämlich seinen Syrah sicher nicht aus dem Bordeaux Glas!) Dann noch zwei, drei Dekanter und ein paar Cocktailgläser. Der Schrank ist einfach mehr als voll und diese Burgundergläser sind – zugegebenermaßen – noch dazu nicht sehr platzsparend. Meine Frau hat mir schon vor Monaten klar gemacht, dass es hier sicher keinen Verhandlungsspielraum gibt und vorher „die Hölle zufriert„, bevor hier auch noch ein weiters Glas dazukommt!
Szenenwechsel. Wir sind diese Woche endlich wieder einmal ausgegangen. In „Das Spittelberg“, wo Harald Brunner bodenständige Wiener Küche neu interpretiert (z.B. „Marinierte & Gebackene Chili-Blunzn mit Paprikamarmelade & Krautsalat) und in einem tollen Ambiente seinen Gästen kredenzt.

Das Essen ist ganz ausgezeichnet. Ich habe mir – wie immer – ein Beef Tartar als Vorspeise bestellt, und eigentlich dachte ich, dass ich diesbezüglich schon alles gesehen bzw. eigentlich gekostet habe. Irrtum. Denn dieses Beef Tartar war geschmacklich das „frischeste“ bzw. eigentlich „zitronigste“, das ich je gegessen habe. Fast ein wenig surreal. Man isst rohes Fleisch und hat irgendwie eine leichte Salat-Assoziation am Gaumen. Ich habe nach dem Geheimnis gefragt. Das Tartar wird mit der Yuzu Zitrone (noch nie gehört) verfeinert. Als Hauptspeise habe ich ein Bratl vom Duroc Schwein mit Pak Choi und Grammelknödel bestellt. Ein Hipster-Schweinsbraten, wie man ihn nur im siebten Wiener Gemeindebezirk bekommen kann. Sehr fein! Abgerundet hat das ganze eine Sorbetvariation. Dass das Lokal noch in der Startphase liegt, sieht man am Service. Die kleinen Schnitzer wurden aber mit Humor (von uns und den Kellnern) genommen.

Die Weinkarte ist richtig gut und umfangreich. Nachdem sie leider nicht im Internet verfügbar ist, konnte ich mich vorab damit nicht – wie sonst üblich – intensiv auseinandersetzen. Beim Durchblättern hatte ich schon ein wenig Angst, dass meine Frau jetzt 20 Minuten einen geistig abwesenden und sabbernden Mann vor sich hat, der krampfhaft versucht Jahrgangstabellen und Falstaffbewertungen vor seinem geistigen Auge abzurufen. Bis ich zur letzten Seite gekommen bin: „Rotweinraritäten“. Üblicherweise übersteigen die Weine solcher Abschnitte in Weinkarten unser definiertes Weinbudget. Nicht im Spittelberg. Mein Auge ist sofort auf den Pinot Noir Holzspur Grande Reserve 2003 vom Weingut Reinisch gefallen. Ich zögerte keine Sekunde und meine Frau konnte sich sofort wieder über meine charmante Gesellschaft erfreuen………….bis der Sommelier die Gläser serviert hat. Burgundergläser von der geilsten Sorte!! Ich sofort: „Ich will Burgundergläser!!!“ Wenn Blicke töten könnten, wäre dieser Beitrag richtig viel wert, da posthum veröffentlicht.

Der PN Holzspur Grande Reserve vom Reinisch ist schon ein besonderer Wein, da dieser nur in besonderes guten Jahren gemacht wird und dafür nur die besten Trauben der ältesten Rebstöcke von der Ried Holzspur genommen werden. In den Verkauf kommt er erst nach 18 Monaten im Barrique und weiterer Flaschenreife. Unser Holspur durfte über ein Jahrzehnt heranreifen.

Im (geilen!!!) Glas war der Wein dann eine Wucht. Keine Spur von Alter, für einen Pinot Noir sogar relativ dunkel (was wohl am warmen Jahrgang liegen könnte), frisch, feingliedrig, mineralisch und mit passender Säure versehen. Meiner Frau, die diese Art von Burgunder wohl alleine schon wegen den Gläsern nicht so mag, war zunächst etwas skeptisch. [Anm. Sie mag eher Bordeaux und Syrah, wahrscheinlich weil wir diese Gläser schon im Haus haben.] Später dann – vor allem als Begleiter zum Essen – hat ihr der Holspur ebenfalls richtig Spaß gemacht und wir haben einen lustigen und netten Abend verbracht.

Einsatz: 75€
Gewinn: 1-1, Ein toller, sehr fein gereifter österreichischer Burgunder, der – im richtigen Glas serviert – sich nicht vor seinen Verwandten aus Frankreich verstecken braucht.

 

 

 

 

 

 

 

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