Man stelle sich bitte folgendes Szenario vor. Man sitzt mit Freunden in einem netten Hotelrestaurant in Zürich und freut sich auf einen entspannten Abend. Man bekommt mit den Worten „Der Weinblogger soll bitte den Wein aussuchen!“ die Karte in die Hand gedrückt. Dabei stellt sich heraus, dass eine der Damen (wegen der man überhaupt in der Stadt ist) keinen Rotwein verträgt. Ihr Freund verträgt überhaupt keinen Alkohol und die eigene Frau mag keinen Weißwein. Na, gratuliere! Inline-Bild 1

Eine unlösbare Aufgabe? Nicht, wenn man – so wie ich – ein ausgebuffter Profi (im Umgang mit anspruchsvollen Damen) ist, und wenn sich dieses Restaurant in der Schweiz befindet. Des Rätsels Lösung war nämlich ganz schnell gefunden. Ein „Federweisser“!

Das was in Deutschland eigentlich einen Jungwein (oder sogar Sturm) bezeichnet, ist in der Schweiz ein Synonym für einen „blanc de noir“ – oder eben ein „Weißgepresster“, wie man in Österreich weit weniger charmant dazu sagt. Nachdem sich die Farbe in den Weintrauben ausschließlich in den Schalen befindet, wird ein Wein aus roten Trauben weiß, wenn man ihn nicht nach dem Pressen auf der Maische lässt sondern ihn eben wie einen Weißwein vinifiziert. Klingt kompliziert, ist es aber gar nicht. (Vor allem im Vergleich zu anspruchsvollen Damen.)

Was also bei Champagner gang und gäbe ist (nämlich ein Weißwein aus roten Trauben), wird jetzt offenbar auch in der Schweiz zunehmend populär. Das hat mir – so ehrlich muss man sein  – den Arsch gerettet….

Der bestellte Pirol 2013 Zürcher Federweiss AOC hat nämlich nicht nur mir, sondern auch – und das ist bekanntlich das Wichtigste – den Damen sehr gut geschmeckt. Der Wein ist aus Blauburgundertrauben (Pinot Noir) hergestellt, zart lachsrosa, blumig, duftig, beerig aber auch würzig. Die Flasche war im Nu weg, der Einstieg in den Abend war mehr als gelungen, und ich war der Held des Moments.  (Ein kurzer Moment, aber immerhin…)

Wenn die Ausgangslage etwas kompliziert ist, gilt ganz klar: never change a winning wine!

Bianco di MerlotHier jedoch drehte sich das Blatt. Der Pirol war nämlich eine Einzelflasche und so musste ich wieder die Verantwortung übernehmen und die Weinkarte konsultieren. Nachdem das mit dem Federweisser aus Zürich so gut funktioniert hat, hab ich wieder einen „blanc de noir“ gewählt. Diesmal aber einen „Bianco di Merlot“ aus der italienischen Schweiz (Tessin), der dort offenbar ebenfalls sehr häufig produziert wird.

Dieser weiße Merlot war dann auch wirklich komplett weiß, überzeugte uns jedoch viel weniger als der Pirol. Der Wein war in der Nase verhalten, wenig fruchtig, eher flach und wirkte aufgrund der Säure auch etwas unausgegoren. Sicher trinkbar, aber jetzt kein ganz großer Trinkspaß. Der guten Stimmung am Tisch hat das aber gottseidank keinen Abbruch getan, und ich war – zumindest hoffentlich für meine Frau – noch immer der Held!

Fazit: Ein „blanc de noir“ war sehr gut, der andere nicht. Das Sample reicht natürlich nicht für eine abschließende Beurteilung, aber zumindest beim Merlot kann ich sagen, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn der als Rotwein auf den Markt gekommen wäre.

 

Werbeanzeigen