Eines der besten Dinge seit dem Beginn von Weinroulette ist, dass ich mich seither dem Thema Wein ganz anders widme, als ich es früher getan habe. Viel bewusster und viel offener für Neues! Das hat mir am Wochenende zwei Erfahrungen beschert, die ich sonst so nicht gemacht hätte – und die auch unterschiedlicher nicht hätten sein können. 

Freitag Abend war „Babysitter-Time“ und meine Frau und ich haben den Gustl („Gustl kocht„) in Wien III besucht. Ein in sich stimmiges und atmosphärisch sehr angenehmes Wirtshaus, das von einem ehemaligen Wirtschaftsanwalt (und ehemaligem Chef meiner Frau und mir) geführt wird. Dort wird österreichisch, polnisch, ukrainische und überhaupt sehr international gekocht. Dementsprechend ist auch die (kleine) Weinkarte international und bietet z.B. auch Weine aus Bulgarien an. Spannend!

Nachdem ich bisher noch nie – zumindest wissentlich – einen bulgarischen Wein getrunken habe, musste das dringend geändert werden. Geworden ist es eine 2011er Cuvée aus Alicante Bouschet (noch nie gehört!!) und Merlot vom Weingut Telish (Thrakien). Wikipedia sei Dank, habe ich mich zwischen Bestellen und erstem Schluck über diese Weinsorte informiert. Folgendes war – unter anderem – zu lesen: „Die Qualität der Traube ist mäßig, doch liefert sie eine schöne rote Farbe, wenn sie als Verschnitt eingesetzt wird.“ Aha, ob weniger Wissen nicht doch besser gewesen wäre…!??

Die Information war insofern absolut richtig, als der Wein ein ganz tiefes, wunderbares Rot hatte. Geschmacklich merkte man dem Wein seine 14,5% Alkohol auf jeden Fall an. Viel Tannin, auch ziemlich viel Säure und insgesamt sehr maskulin. Wenn man diesen Wein rasieren müsste, hätte er drei Stunden später wieder einen Vollbart! Aber gar nicht so schlecht, da er vor allem sehr gut zu meinem „Schweinsbratenpaket“ gepasst hat.  Die sehr, sehr kulant kalkulierten EUR 18,- war er auf jeden Fall wert!

Wie der Tag zur Nacht war dann am Samstag ein „Golden Muskateller“ Jungfernlese (also die erste Lese im Weingarten) 2015 vom Weingut Loiskandl aus dem Weinviertel, den wir als Gastgeschenk von Freunden bekommen haben. Der Goldmuskateller ist eine autochthone Sorte Italiens und mir bis dato ebenfalls nicht bekannt gewesen. Die „Jungfer“ präsentierte sich als ganz heller Wein, mit einer sagenhaften duftigen und fruchtigen Nase (Muskat pur). Obwohl der Wein trocken ausgebaut war, hinterließ er einen süßen Eindruck am Gaumen und schmeckte nach Holunder und Muskat. Die pure Unschuld! Und ein sehr schöner Sommerwein. Am Sonntag habe ich einen ganz kleinen Rest, der in der Flasche geblieben ist, in die Spüle geleert und die ganze Küche roch nach Frühling.

Fazit: Irgendwie also ein märchenhaftes Wochenende – mit allem Drum und Dran. Wilde, bärtige Kraftprotze und unschuldige, süße Jungfern.

Und, wenn sie nicht gestorben sind…